Aufschieben und Prokrastinieren mach ich morgen, Herr Rückert

Coaching, Produktivität und DGK, Projektmanagement on November 4th, 2009 No Comments

Ganz ehrlich muß ich ja sagen, daß ich die eine oder andere ungeliebte Tätigkeit immer noch gerne und bewußt verschiebe. Aber das war ja auch eine der Kernaussagen von Hans-Werner Rückert in seinem Vortrag am Sonntag im Bunker Ulmenwall. Die Vortragsfolien gibt es übrigens unter dem Link zum Download.

Der Vortrag an sich war richtig unterhaltsam. Anspruchs- und gehaltvoller als das typische (kurzfristig vielleicht wirksamere) Ami-Motivationscoach-Gequatsche. Da wurde zwischendurch immer wieder das Beispiel Marcel Proust als prominenter Aufschieber (der aber kurz vorm Tode doch noch die produktive Kurve gekriegt hat) genannt und erfreulicher Weise gab es weder Tschakka-Faust noch erhobenen Zeigefinger. Rückert erzählte viel aus seiner Praxis als (psychologischer) Studienberater an der Freien Universität Berlin und gab klasse Ratschläge, wie man seine eigenen Aufschiebereien und kleinen Handlungsstörungen in den Griff bekommen kann, bevor aus dem ewigen “mach ich morgen” ein Kreislauf ohne Ende wird.

Bei den meisten Aussagen schoß mir erstmal ein “das war Dir doch eh schon immer klar – is doch nix neues!” durch den Kopf und nach der fundierten psychologischen Erklärung und einigen Praxisuntermauerungen kam dann ein “ach, aber so hast Du das noch gar nicht gesehen” gefolgt vom “ACH DESWEGEN! ist das so”.

Zum Beispiel daß es die sogenannten Kickaufschieber gibt, die ihre Diplomarbeit mit dem Überfahren mehrerer roter Ampeln nachts um 23:58 beim Frachtpostzentrum abgeben, um den letztmöglichen Datumsstempel zu kriegen. Selbstverständlich nachdem sie drei Wochen mit 4 Stunden Schlaf ausgekommen sind. Und den nur jede ZWEITE Nacht! Kaffeekonsum wird in Eimern gemessen und die Ernährungsgewohnheiten sind so abenteuerlich wie nur was. Kenn ich selbst und meine Freundin fand sich in seiner Beschreibung zu 100% bei Ihrer Bachelorarbeit wieder ;)

“Kriegsberichte von der Front der intellektuellen Arbeit” nannte Rückert das :-)

Klar, wer brav 3 Monate lang planmäßig 4 3/4 Seiten am Tag schreibt und redigiert, nach festem Tagesplan recherchiert und seine Pausen artig einhält, grünen Tee mit einem Hauch Zitronensaft und Rohkost verkonsumiert hat keine wirklich interessanten Geschichten zu erzählen ;)

Besonders gefiel mir ja die Geschichte mit dem vollbesetzten Flugzeug. Der Boardingfinger wird abgekoppelt und weggefahren. Die Türen schließen sich zischend und die Stewardessen bereiten sich auf das Notausgangsballett und künstlerisch anspruchsvolle Teekesselchenstellung vor. Die Maschinen drehen höher. Kurz bevor die 707 zum Inlandsflug anruckt, gehen die Turbinen wieder aus und alle Passagiere schauen sich fragend an.
Vergrippte Schweine an Board? Co-Pilot ne Wette verloren? Zucker im Tank?
Dann wird der Einstiegsgang wieder ans Flugzeug geschoben, die Tür noch einmal geöffnet und grinsend kommt einer der prominentesten Kickaufschieber und Buchautoren zum Thema in den Flieger:

Sacha Lobo

Dann ging es um Handlungsorientierung und Lageorientierung, The Big 5 of Persönlichkeitsmerkmale, daß die Großhirnrinde der Sitz der guten Vorsätze ist (das Resthirn ist aber bedeutend größer *g*) und man sich durch Belohnungen zum Durchhalten am Schreibtisch konditionieren soll statt zur sofortigen Flucht, wenn mal der Magen knurrt.

Wie Übertriebener Perfektionismus bekämpft werden kann, daß die goldene Zeitmanagementformel – geschätzter Aufwand multipliziert mit zwei ist, dass Leiden adelt und Selbstdisziplin ein zu negativ aufgeladener Begriff ist und durch Selbstkontrolle ersetzt werden sollte.

Zentrales Tool zur Arbeit an sich selbst und als Schwert im Kampf gegen das Aufschieben:
Das Ringbuch – bei mir ist es übrigens ein immer wieder wechselndes Moleskine im Maßgefertigten Ledereinband. Darin wird über sich selbst nachgedacht, Gedanken festgehalten, Konflikte erkannt und gelöst, Ziele gesetzt und nicht mehr kongruente Ziele gestrichen, abends reflektiert und der nächste Tag geplant. Unter anderem mit ToDo Listen auf die ab jetzt nur noch die angenehmen Dinge drauf kommen.

Denn “Das sollen tötet das Leben.” R. Menasse

Wer den Unterschied von Problemen 1. zu Problemen 2. Ordnung verstanden hat, kann sich an die Lösungsfindungen machen und kompetent arbeiten (und auch mal was aufschieben). Dabei hilft Rückerts BAR-Programm:
* Bewußt sein über Motivation, Hemmnisse, Gründe fürs Aufschieben und daß wir Dinge dann anpacken, wenn sie zu mind. 70% mit positiven Gefühlen verbunden sind. Nicht ich MUSS – sondern ich WÄHLE und Nicht Ergebnisse zählen – sondern ICH FANGE ERSTMAL AN

* Aktionen zum Selbstvertrauen und Selbsteinschätzung steigern unternehmen, Zeitaufwand schätzen und Aufgabenlisten erstellen.

* Rechenschaft vor sich selbst ablegen. Mit Hilfe des “Ringbuchs” Visualisierungen, Bilanzierung der Fortschiritte, ist bei aller Arbeit noch genug Platz für Leben?, Belohnen statt Bestrafen.

Schlußendlich sollte sich nämlich auch der gewissenhafteste und produktivste ein oder zwei Dinge zum ewigen Aufschieben bewahren :)

(Und die Kickaufschieber haben können sowieso bleiben wie sie sind. Das ist schon gut so, wenn sie sich wohl dabei fühlen. Dem widersprach nur eine Dame aus dem Publikum, die sich als geheilte Kickaufschieberin bezeichnete, nachdem sich eine Dozentin 2 Monate zum korrigieren einer auf den letzten Drücker abgegebenen Hausarbeit erlaubte. Weil Sie auf Hochzeitsreise war *g*)

Was mit ein bißchen fehlte waren konkrete Ansätze zum Filtern von Informationen, Aufgaben und Eindrücken. Außer dem Wichtig – Unwichtig und Dringlich – Nicht Dringlich Quadrat gab es da keinen Vorschlag. Aber über irgendwas muß ich ja schließlich auch noch mal nen Buch schreiben irgendwann ;)

Und Herr Rückert könnte ein bißchen mehr von sich selbst und seiner persönlichen Arbeitsweise erzählen, statt nur Beispiele aus der Studienberater- und Psychotherapiepraxis zu berichten. A bissel menscheln schadet ja nie ;)

Alles in allem ein toller, unterhaltsamer und aufschlußreicher Sonntagnachmittag. Danke an Rena Tangens und padeluun vom foebud für die Organisation und dass so ein hochkarätiger 3-stündiger Vortrag für 5 EUR angeboten werden kann!

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