Gestern beim MediaTalk: “Was ist Webwissen wert?” @lyssaslounge @frischkopp
Auf der Bühne des Ringlokschuppens diskutierten im Rahmen des Media.Talks 2009 gestern die Chefredakteurin und Geschäftsführerin von “Der Westen” Katharina Borchert (ab 1.4.2010 allerdings Chefin von Spiegel Online), der Vorstandsvositzende der Bertelsmann AG Hartmut Ostrowski, der Pressesprecher von Google Deutschland Stefan Keuchel und der Leiter des Ressort Wissenschaft beim WDR Thomas Hallet die Frage:
Google Dir Deine Bildung – Was ist Webwissen wert?
Der Media Talk 2009 ist eine Veranstaltung der Bielefelder Fachhochschule des Mittelstands (FHM) und wird vollständig durch die Studierenden organisert. An dieser mit 700 Besuchern (Bertelsmann hat seinen Mitarbeitern wohl nen halben Tag Urlaub gewährt) großen Veranstaltung (für Bielefelder Verhältnisse) im Ringlokschuppen waren 75 Studenten in der Organisation beteiligt und sie haben ein beachtliches Event auf die Beine gestellt.
Die ganze Sache fing etwas verspätet, aber dafür sehr unterhaltsam an: Googler Keuchel hatte zwar seine Bahnverbindung von Hamburg nach Bielefeld bei seinem Arbeitgeber rausgesucht, aber leider eben die direkte Verbindung – nicht die Umsteigestationen. Und so ist er statt in Hannover umzusteigen bis Göttingen durch gerauscht und von dort mit dem Taxi nach Bielefeld. Sympathisch – das hätte auch mir passieren können ;)
Nach einer kleinen Vorstellungs- Mediennutzungsschilderungs- und Geplänkelrunde ging es dann wenig kontrovers ans Eingemachte. Relativ schnell war auch klar, wer die Rolle des Buhmanns an diesem Abend übernehmen würde: Fernsehmann Thomas Hallet, der zunächst mal Google dafür kritisierte, bei einer Suche nach Schweinegrippe und Impfung keine verlässlichen Informationen darüber zu liefern, ob eine Impfung Sinn mache oder nicht. Zudem seien seine ersten 10 Suchergebnisse alle mind. eine Woche alt gewesen. Gut, daß Keuchel hier direkt eingreifen konnte und einerseits klarstellte, daß die Lieferung einer verläßlichen medizinischen Information genauso wenig Googles Auftrag sei, wie die Archivierung oder gar Vermittlung von Wissen. Andererseits deutete er sanft (und ich glaube aus der 5. Reihe erkannt zu haben mit einem Augenzwinkern) an, daß die Qualität der Suchergebnisse bei Google durchaus im direkten Zusammenhang mit der Suchkompetenz des Anwenders stünden ;)
Ohne mich rühmen zu wollen, aber ich habe einige hilfreiche Informationen zu der Frage “Schweinegrippe Impfung Ja oder Nein” beim ersten Versuch gefunden. Aber ich werde es wohl erstmal sein lassen.
Unterstrichen wurden Keuchels Ausführungen noch von Ostrowski, der anmerkte vor 20 Jahren hätte man eben 5 verschiedene Meinungen von 5 verschiedenen Ärzten erhalten und wäre danach ebenso schlau – oder eben nicht gewesen.
Die Begriffstrennung zwischen Information, Wissen und Bildung war schlichtweg nicht vorhanden. Auf dem Podium wurden munter Information, Refelektieren, Nachrichten, journalistische Arbeit, Wissen und Bildung durcheinander geschmissen. Hier fehlte ganz klar die Struktur und Aufklärung des Publikums um was es da eigentlich grade geht. Tägliche Information aus Nachrichtenmedien? Verlässlichkeit der Wikipedia, Bildung aus Sendungen wie Supernanny und “Raus aus der Schuldenfalle” oder Schul-Recherche zu einem Hai-Referat bis hin zur Verewndung dieser recherchierten Informationen. Das ganze gipfelte dann darin, daß Thomas Hallet die Schüler und Studenten grundsätzlich unter den Generalverdacht des Plagiats stellen wollte. Das Internet ermögliche ja schließlich schnelles Cut&Pasten. (Klar, da muß man kein “Native Digital” für sein ;))
Glücklicherweise relativierte der Rest des Podiums – allen voran Katharina Borchert diese These damit, daß heute zwar dank Copy&Paste das beispielhafte Referat über Haie relativ schnell ohne den Weg in die Bibliothek geschrieben werden könnte. Dort wäre vor zehn Jahren eben noch von Hand abgeschrieben worden. Professoren und Lehrer haben es heute dank Google dafür auch leichter recht schnell die Abschreiber identifizieren zu können. Wenn sie es denn tun. Und ergänzte noch, daß wir heute die großartige Möglichkeit haben, über Wikipedia viele Referenzen zum Thema Haie zu finden und uns auf youtube verschiedenste Filme zu Haien in freier Wildbahn anzusehen, ohne auf eine entsprechende Sendung im TV-Programm zu warten.
Sie haben eben übrigens richtig gelesen: Als Bildung bezeichnete Hartmut Ostrowski solche Formate wie “Die Supernanny” und “Raus aus der Schuldenfalle” seines Senders RTL tatsächlich. Und wissen Sie was? da hat der Mann auch gar nicht SO Unrecht. Von Bildung zu sprechen ist hier vielleicht etwas hoch ins Regal gegriffen, aber dass mit solchen Formaten gewisse Kompetenzen vermittelt werden, die vielen Menschen heute fehlen kann man nicht abstreiten. Wenn die Kiddies früher den Eltern auf der Nase rumgetanzt sind, dann kam halt mal die resolute Oma vorbei und hat auf den Tisch gehauen. Wenn es ein Schuldenproblem gab, dann kam lange VOR der Schuldenfalle der Unternehmer Onkel vorbei und hat sowohl mit Wissen, als auch mit ein paar Mark unterstützt. Und wo früher Freunde und Familien Häuser renoviert haben, da macht Tine jetzt eben Ihren “Einmarsch in vier Wänden”. Sozialkompetenz wird eben nicht mehr nur am Familienlagerfeuer vermittelt, sondern von demselben . Es heisst eben nur Fernsehen heute.
Letztendlich meinte Hallet eigentlich den ganzen Abend das richtige: Nämlich Medienkompetenz. Und das wir hier noch eine echte Aufgabe vor uns haben, diese Medienkompetenz zu entwickeln. Hallet wollte diese Aufgabe aber beratungsresistent bei Google und anderen Informationsanbietern im Netz sehen, statt beim Anwender. Gut, er kommt aus der Erklärbärwelt des WDR, hat für Quarks&Co gearbeitet und da wird zwar schließlich hochkompetent Information vermittelt, aber dem Zuschauer auch jede Möglichkeit zum Hinterfragen und zum Entwickeln eigener Gedanken abgenommen.
Diese sehr fernsehgeprägte Sicht trieb er dann allerdings noch echt auf die Spitze, daß es schon unfreiwillig komisch wurde. Da stellte er sich die Frage, ob es denn in Ordnung sei, wenn beim Familienfernsehabend alle (vor allem die Kinder) ihre Laptops auf dem Schoß haben und auf StudiVZ rumsurfen. Großartig. Die Kids pflegen ihre sozialen Kontakte, statt sich gähnend fades TV-Programm reinzuziehen und Vattern sitzt da und schmollt, weil die Family nicht gemeinschaftlich in die Röhre glotzt. Das erinnert mich dran, wenn mir als Kind gesagt wurde, ich solle beim Essen nicht lesen.
Katharina Borchert konnte hier zwischenzeitlich sehr gut einen der Hauptnutzen von Twitter als Lieferanten von relevanten Informationen verdeutlichen, in dem die interessanten und aktuellen Nachrichten zum Nutzer kommen. Gefiltert und verstärkt durch sein Kontaktnetzwerk. Ausserdem sprach sie von einer Studie, die nachgewiesen hat Nutzer von sozialen Netzwerken hätten auch im “Real Life” mehr und stärkere soziale Kontakte als Menschen, die nicht in sozialen Netzwerken unterwegs sind.
Gänzlich im Raum stehen blieb die Aussage von Ostrowski, daß auch mit Webinhalten natürlich weiter Geld verdient werden soll und Wertschöpfungsmodelle für Paidcontent geschaffen werden müssen. Da fehlte mir doch etwas das in die Bresche springen des Öffentlich-Rechtlichen-Vertreter, der seinen Bildungsauftrag gegen den privaten TV-Sender-Besitzer-Vorstand verteidigt. Aber gut, leben wollen wir ja alle von etwas und der Versuch mit Webinhalten Geld zu verdienen ist ja nicht verwerflich, aber sehr, sehr schwer. Ausser für Google. Die sind sehr zufrieden – denn von den 1,5 Milliarden Werbegeldern, die letztes Jahr im Web ausgegeben wurden gingen schonmal 50% an Google ;) DAS nenne ich mal wertschöpfend. Glücklicherweise gingen die Medienschaffenden hier aber nicht allzu sehr in die Tiefe. Titel der Veranstaltung war ja “Was ist Webwissen wert” und durch die vorgegebenen Fragestellungen der FHM-Studierenden meinte “wert” hier informativen wert und nicht “wie lassen sich Zeitschriften mit Bezahlinhalten langfristig retten”.
Als es dann um das Thema Qualitätsjournalismus ging hatte Thomas Hallet auch noch einmal seinen Glanzmoment, als er sagte, Journalisten sollten nicht nur Online rumrecherchieren und daraus Geschichten basteln, sondern auch wieder mehr raus gehen und das erleben, worüber sie später schreiben. Vollste Zustimmung.
Insgesamt war der Abend für jemanden der im Thema steckt zwar etwas oberflächlich und für eine Podiumsdiskussion nicht kontrovers genug, aber ein schönes Plädoyer für das Informationsmedium Internet aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Mir fehlte abschließend ein bißchen der Appell an das Publikum sich selber ein eigenes Bild zu verschaffen, mehr Zeit für die Recherche im Netz einzuplanen und v.a. ein paar Tips zur Quellenprüfung und verlässlichen, eigenverantwortlichen Arbeit im Netz. Grade hier hätte der Thomas Hallet als Fachmann für wissenschaftliche Recherche nochmal richtig auftrumpfen können.
Ich halte es also mit Harmut Ostrowskis Statement zum Webwissen: Es ist das wert, was man daraus macht. Und Katharina Borchert schloss mit dem Statement: “Neugier erhalten, andere damit anstecken und sich permanent weiter entwickeln wollen.” Sehr positiv gestimmt konnte ich nachher noch einige nette Gespräche mit einigen Professoren der FHM führen und mit einem Freund aus Kindheitstagen, den ich in der Halle, über das mediatalk Hashtag über Twitter wiedergefunden habe.
Da soll noch einer sagen, Twitter, Blogs und Web 2.0 wären für nichts gut – auch wenn ich wie Hartmut Ostrowski lieber in der Kneipe Skat kloppen würde, als vorm Rechner (und obwohl ich so gut wie gar nicht Skat spielen kann, habe ich beides schon ausprobiert und weiß daher, wovon ich rede).
weiteres zum mediatalk
Homepage des Mediatalk (hoffentlich bald mit Videoaufzeichnung)
Blogposting auf Neue Westfälische - und das ist witziger weise in den Google Suchergebnissen noch vor dem
Zeitungs-Artikel in der Neuen Westfälischen
Kommentar auf neue westfälische
Blogposting von Tobi








[...] Montag war wohl der MEDIA.TALK. Über den Abend haben ich schon meine Meinung veröffentlicht. Auch Alex Kahl und der NW-News-Blog haben dazu Stellung bezogen und meinen Betrag freundlicher Weise verlinkt. Am [...]
Super Internetpage – Habe “a little Question”. Mein Ego ist auch gegenwärtig dabei meinen kleinen Blog zu schreiben und ich finde dein Style toll. gezogen?