Zweckpessimismus muss nicht sein. Danke an @SaschaLobo @kathrinpassig

Social Media on Dezember 7th, 2009 1 Comment

Gefühlte Informationsüberflutung und Kulturpessimismus gehen seit jeher Hand in Hand. Diejenigen, die sich von Information bis Oberkante Unterlippe geflutet fühlen japsen und gurgeln noch etwas von “Früher war alles besser” und “Anarchie” und “Wir werden alle im Chaos enden”.

Überforderung durch Innovationen, die nicht verstanden werden (wollen). “Früher sind wir ja auch ohne ausgekommen” meint eigentlich “Ich habe weder Lust, noch Zeit mich damit auseinander zu setzen, geschweige denn möchte ich mir die Blöße geben, einen 17-jährigen um Hilfe zu bitten”

Sascha Lobo setzt sich in der aktuellen Ausgabe 50 des Spiegels direkt mit Frank Schirrmachers Buch ‘Payback” auseinander. Er stellt bei einem kleinen Exkurs über Platon fest, dass selbst die alten Griechen (Betonung liegt besonders auf alt) schon zum Kulturpessimismus neigten und Sokrates befürchtete, die Einführung der Buchstaben und des Schreibens würden dem Volk das Auswendiglernen aberziehen und nur zu Belanglosen Texten führen (wer hätte gedacht, dass die heutige Hauptkritik an Blogs, Twitter usw. schon vor 2.400 Jahren an den weißen Haaren herbei gezogen wurde). Ich interpretiere das mal als antike Version von Volksverdummungshysterie (s.u.).

Ist das, was das Volk verdummen läßt, nicht vielmehr das Aufzwingen des Festhalten am Althergebrachten? Kirche statt Aufklärung, Pferd statt Auto, Fernsehkonsum statt eigener Produktivität und Kommunikation.

Der Beherrschbarkeit der Umwelt näher zu kommen sei das Ziel der intellektuellen Elite, vermutet Lobo. Ich glaube, derzeit ist für die intellektuelle Elite (zu der sich auch Schirrmacher vermutlich zählt) eine ganz neue Gefahr udn Konkurrenz hinzugekommen: Die Publikationsfähigkeit der Massen. Heute ist es nicht mehr nur einem bestsellertauglichen Autor oder einem elfenbeinturmerprobten Akademiker vorbehalten, öffentlich schwarz auf weiß für 24,80 EUR seine Gedanken loszuwerden und v.a. zu verkaufen.

Sascha Lobo hat es sich durch seine Online-Aktivitäten und Publikationen ermöglicht, eine Gegenrede auf den im Printbereich (noch) sehr viel etablierteren Frank Schirrmacher im Spiegel zu platzieren.

Mir ist es möglich auf beide Bezug nehmend, hier meine Gedanken öffentlich zu machen. Sicher nicht mit der gleichen Reichweite, aber mit der gleichen Nachhaltigkeit.

Die Gefahr für die beschriebene intellektuelle Elite ist v.a. das Wegfallen Ihrer Alleinstellungsmerkmale und die Hoheit über Kommunikationskanäle. Sei es in der Herrschaft über Veröffentlichungen und Filterungen, als auch in der Vorgabe von Relevanz durch Redaktionen. Wie Lobo treffend beschreibt sieht sich die etablierte Medienlandschaft nicht nur einer massiven technologischen Veränderung gegenüber, sondern auch einer sozialen. Die Massen können gezielter wählen, kommentieren und selbst Inhalte in diese Medienlandschaft einbringen. Von einer einfachen Bewertung eines Artikels, über Kommentare und Videobeiträge bis hin zu eigenen Artikeln und sogar Büchern.

Und:
Die Eliten können öffentlich kritisiert, in Frage gestellt und mit oder ohne sie argumentiert werden.

Dadurch entsteht für den pessimistischen Betrachter eine Spirale aus immer schlechter überschaubaren und bewertbaren Inhalten, Aussagen und Meinungen, die sich gegenseitig potenzieren. Bei realistischer Einschätzung und mittelmäßigem technischen Hintergrundwissen stellt man sehr schnell fest, dass sich schon mit wenig Arbeit ein Überblick und Filtersystem aufbauen läßt, mit denen jeder Einzelne die ewige Informationsflut (die Lobo klasse mit dem Beispiel der Bibliothek von Alexandria und ihren geschätzten 4000km Textrollen belegt) zum ersten mal in der Geschichte selbstständig in den Griff bekommen kann.

Und auch im Fazit gebe ich Lobo Recht. Wir, die wir mit dem digitalen Löffel im Mund geboren wurden und mit der Technologie aufgewachsen sind, aber auch noch die herkömmlichen Kommunikationsmittel wie unsere Vorgängergenerationen (die Lobo wunderbar formuliert “vordigital Geprägte” nennt) genutzt haben, sollten für den Brückenschlag sorgen und unterstützen. Zugangsbarrieren abschaffen, Technik vereinfachen und die Angst nehmen, den Anschluß zu verlieren.

Wie muß sich ein Journalist oder Autor der alten Schule fühlen, der sich ein Leben lang darauf verlassen konnte mit Schreiben auf Papier sein Leben zu bestreiten, wenn er plötzlich von einigen 100 Millionen Konkurrenten überspült wird? Nicht die direkte Konkurrenz wird da gefürchtet, sondern das buchstäbliche Untergehen in der Masse.

Von den rein Konsumierenden mal ganz zu schweigen. Deren gefühlte Informationsbeschaffungspflicht sich früher auf Tageszeitung, Tagesschau und Tagestratsch am Gartenzaun beschränkte und nun um Blogs, RSS-Feeds, Twitter und Podcasts erweitert werden soll. Gefolgt von der nötigen Medienkompetenz zu entscheiden, welches Medium von welchem Autor gerade glaubwürdig und relevant ist.

Da kann man schonmal pessimistisch werden ;) Und jemand wie ich muß sich mit dem Evangelisieren und schlichtem Abtun der Bedenken und Vorbehalte schwer zurück halten, um jemand aus der Gruppe der Vor-Digitalen nicht gleich persönlich zu überfordern.

Sascha Lobos Autorenkollegin Kathrin Passig (mit der zusammen er das Buch “Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin” geschrieben hat und zusammen das Blog Riesenmaschine betreibt – welches er übrigens sehr geschickt als “selbst geschaffene Riesenmaschine der Zivilisation” auf Seite 142 in SPIEGEL 50/2009 unterbringt *g*) machte sich kürzlich ganz ähnliche Gedanken in Ihrer internetkolumne auf merkur-online mit dem Titel Standardsituationen der Technologiekritik

Dort teilte sie zunächst die Ausprägungen von Innovationskritik in mehrere Stadien ein, die ich hier zur eigenen Erinnerung mal eben in eigenen Worten zusammenfassen möchte:

1. Zunächst fragen sich die Kritiker: “Wofür soll DAS bitte gut sein?”
2. Wenn der Nutzen verstanden wurde, wird die Hinterfrage personenbezogen “Wer will so etwas?” und kommt dann
3. zu dem Schluss: “Die Einzigen, die das Neue wollen, sind zweifelhafte oder privilegierte Minderheiten.” und hofft
4. Dass das ganze als Modeerscheinung bald wieder vorbeigeht
5. Etabliert sich die Innovation dann doch, werden die Auswirkungen als marginal herabgespielt, um Schlimmeres zu verhindern
6. Zwischendurch stellt man sich schon das erste Mal die Frage, ob sich da nicht vielleicht zumindest Geld verdienen läßt
7. Stellt sich die Frage nach der Qualität und ob das Neue einfach nicht gut genug sei und auf Dauer viel zu teuer käme
8. Das Neue ist natürlich störanfällig und viel zu kompliziert (s.o.) und wird sich dementsprechend nicht durchsetzen
9. Gilt das Neue als nicht vertauenswürdig – vgl. mit Wegweisern, die von Saboteuren in falsche Richtungen gedreht werden, um den offensichtlichen Nutzen zu diskreditieren
10. Diese Irreleitung schlägt sich dann auf all die “Schwächeren” (gemeint sind hier imho diejenigen, die nicht alles hinterfragen, sondern einfach machen, ausprobieren) nieder, die mit dem Neuen nicht umzugehen wissen. Geschweige denn es kritisch beurteilen würden.
11. Bald schon wird das Neue in alte Verhaltensregeln gepresst und eine “Etikette”, ein Knigge für den richtigen Umgang entwickelt
12. Das Neue wird den bisherigen Umgang mit dem betreffenden Thema zum schlchten ändern. Seien es Denk, Lese und Schreibtechniken, die Art und Weise des Autofahrens, des Musizierens, der Kindererziehung usw.

Schaut man sich aktuelle Bestsellerlisten an, dann wäre es eine schlichte Untertreibung von einer pessimistischen Prägung zu sprechen. Gnadenlose Nörgelei und Früher-war-alles-besser-Literatur trifft es da schon genauer. Es müssen nicht zwangsläufig alle der o.g. Stadien durchlaufen werden, um ein solche “kulturkritisches Werk” auf die Beine zu stellen, aber das besonders häufig auftauchende Thema “Verblödung” verrät meist schon, wohin die Reise geht. Statt ernst zu nehmende, konstruktive Auseinandersetzung mit Innovationsansätzen zu betreiben, also den Blick nach vorne zu richten, wird Lexikonwissen auf ein Podest gestellt, ordentlich auf neue Fähigkeiten, Methoden und Umgangsweisen mit Wissen eingeprügelt, ans Altbewährte aus Opas Zeiten geklammert und die Verdummungsinquisition durch’s Moderne herauf beschworen:

“Alles blöd außer ich und was ich kenne.”

Vor ein paar Wochen bin ich 35 geworden und bin somit altersmäßig noch weit davon entfernt, mich in die Riege der Status-Quo-Erhalter einsortieren zu müssen. Ich hoffe noch ein paar Jahre mit Innovationen und interessanten Entwicklungen herumspielen zu dürfen und verspreche mein Bestes zu geben noch so lange wie möglich bei letzterem zu bleiben. Für die Ecke der Konservierungsbefürworter bin ich einfach zu neugierig.

Und sonst muß eben verlernt werden. Ein besseres Schlußwort, als das was Kathrin Passig bereits in Ihrem Artikel gefunden hat kann ich nicht liefern, deswegen zitiere ich einfach. Nicht weil ich durch zuviel Neues mittlerweile zu blöd wäre, mir etwas eigenes einfallen zu lassen, sondern weil ich dank des Internets zitieren und verlinken kann.

Also lege ich dem geneigten Leser hier nahe, auch Frau Passigs großartigen Text vollständig mitzunehmen. Am besten ausdrucken und bei aufkeimenden “Was ist das für neumodischer Krams”-Gedanken erst nochmal lesen.

“Wer darauf besteht, zeitlebens an der in jungen Jahren gebildeten Vorstellung von der Welt festzuhalten, entwickelt das geistige Äquivalent zu einer Drüberkämmer-Frisur: Was für einen selbst noch fast genau wie früher aussieht, sind für die Umstehenden drei über die Glatze gelegte Haare. So lange wir uns nicht wie im Film Men in Black blitzdingsen lassen können, müssen wir uns immer wieder der mühsamen Aufgabe des Verlernens stellen. Mit etwas Glück hat der Staat ein Einsehen und bietet in Zukunft Erwachsenenbildungsmaßnahmen an, in denen man hinderlich gewordenes Wissen – sagen wir: über Bibliotheken, Schreibmaschinen, Verlage oder das Fernsehen – ablegen kann.”

Herrn Lobos Text gibt es aktuell wohl nur am Kiosk. Und ihc stelle gerade die Frage, ob sich hier eine signifikante Verkaufssteigerung durch die Onlinediskussion zum Artikel ergeben mag?

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One Response to “Zweckpessimismus muss nicht sein. Danke an @SaschaLobo @kathrinpassig”

  1. Abacus sagt:

    Um mal das von Dir selbst hervorgehobene Zitat “Alles blöd außer ich und was ich kenne.” zu nehmen, noch mal hervorzuheben und durch das Zitat “Das schwierigste beim Katz’ und Maus spielen ist zu wissen wer die Katze ist” zu ergänzen, muss man schon schon fragen wer da wen als vermeintlich Blöd bezeichnet? Als Herr Lobo, der immer mal wieder gerne von den “digital natives” oder plastischer von “digitalen Löffel im Mund geborenen” spricht, selber in den 70ern das Licht der Welt erblickte sah das digitale Löffelchen dann doch eher so aus: http://tr.im/GVw3
    Diejenigen die bei der digitalen Welt nicht mitmachen wollen einfach als “Internetausdrucker” zu bezeichnen ist viel zu einfach da es das Problem nicht löst (schon von Ossietzky hat in den 1920ern Politiker in die “Füllfederhalterbesitzer” Schublade gepresst). Wir Mittdreißiger sind eben diejenigen welche nicht in die digitale Welt geboren wurden, wir haben sie erschaffen. Wir Technikhörigen, Nerds, Computerfreaks, Lötkobenbesitzer und EPROM-Brenner, wir haben die digitale Welt aus unserem technischen Verständnis heraus erstehen lassen und müssen uns nun eingestehen das wir dabei einige grundlegende Designfehler gemacht haben. So Grundlegend das selbst die Generation nach uns lieber mit der Playstation als mit “echten” Computern spielt und das die meisten von uns selber schon von Linux zu OS X gewechselt sind. Wir werden uns gefallen lassen müssen wenn die Nachwelt über uns erzählt das wir einfach vergessen hatten zu fragen wo es denn überhaupt hin gehen soll und wir die digitale Zukunft einfach diktiert haben.

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