Lernt man Führen nur durch Scheitern?

Coaching on Februar 25th, 2010 4 Comments

Diese Frage stellt Jochen Mai vom Blog Karrierebibel grade sich und seinen Lesern.

Witzig dabei ist, dass ich gerade heute ein sehr langes und intensives Gespräch über das Thema geführt habe. Wenn man sich mal anschaut, wie besonders erfolgreiche Menschen aufgewachsen sind: Arnold Schwarzenegger, Will Smith, Richard Branson – alle diese Menschen sind weder mit dem golden Löffel geboren, noch wurde ihnen Erfolg in die Wiege gelegt. Aber eins haben alle gemeinsam:

Ihnen wurde nie erzählt, zu scheitern wäre etwas negatives. Sie wurden immer bei ihren Vorhaben unterstützt und ermutigt. Sie haben die Möglichkeit des Scheiterns akzeptiert, haben sich davon aber nicht bremsen lassen. Geschweige denn Angst vorm Scheitern aufgebaut.

Aber: Letztendlich geht es bei diesen Beispielen um Geld, Ruhm, Erfogl im Sport etc. Das Beispiel, dass Jochen Mai von Karrierebibel  aus dem Film “The Core” anführt ist von einem ganz anderen Schlag und betrifft auch ganz andere Entscheidungen:

Zugegeben, der Film “The Core” entstand nicht gerade in einer der Sternstunden Hollywoods, aber er enthält eine denkwürdige Szene, über die es sich nachzudenken lohnt. In der besagten Einstellung unterhalten sich der erfahrener NASA-Pilot Robert Iverson (gespielt von Bruce Greenwood, hier nicht zu sehen) und seine junge, äußerst ehrgeizige Co-Pilotin Rebecca Childs (gespielt von Hilary Swank, rechts) über die neue Mission, die Childs unbedingt befehligen will. Doch Iverson ist anderer Meinung:

RI: “Sie können üben, solange Sie wollen. Das macht Sie noch lange nicht zum Commander…”

RC: “…woran Sie mich ständig erinnern.”

RI: “Wissen Sie, ich bezweifle ja, dass Sie darauf hören werden, aber ich versuch’s trotzdem: Bei der Führung geht es nicht um Fähigkeiten, sondern vielmehr um Verantwortung.”

RC: [ironisch] “Verstanden, Sir.”

RI: “Nein, haben Sie nicht, Major! Man ist nicht nur verantwortlich für die richtigen Entscheidungen, sondern auch für die schlechten. Das gehört nun mal zum Geschäft. Man muss bereit sein, beschissene Entscheidungen zu treffen.”

RC: “Wie kommen Sie darauf, dass es bei mir anders sein könnte?”

RI: “Weil Sie so gut sind. Ihnen ist noch nichts begegnet, womit Sie nicht fertig geworden sind. […] Es ist so, dass Sie ans Siegen gewöhnt sind. Und man kann erst dann wirklich führen, wenn man mal verloren hat.”

Zunächst mal sollten hier Entscheidungstypen unterschieden werden:

Entscheidungen über Geld vs. Entscheidungen über Menschen(-Leben)
kurzfristige Auswirkungen der Entscheidung vs. langfristige Auswirkungen der Entscheidung
selbstreferenzierte Entscheidungen vs. Entscheidungen, die andere betreffen

Meine Eingangsbeispiele erfolgreicher Menschen unterscheidet sich ganz erheblich von dem in Jochen Mais Filmzitat: Auf der einen Seite geht es wie gesagt um den eigenen Ruhm, den eigenen Erfolg, das eigene Geld. Also selbstbezogen, mit meist kurzfristigen Auswirkungen (ein Film ist ein mal Flop aber anspruchsvoll, der nächste wieder ein finanzieller Erfolg).

Auf der anderen Seite geht es um die richtige Entscheidung mit langfristigen Folgen für andere: Das Leben der Untergebenen, das Ende der Welt, alles was sich Hollywood in diesen konstruierten Filmsituationen, die erstmal ausweglos erscheinen, noch so an heroischem Material einfallen lässt.

Dann stellt Jochen die These auf: “Niederlagen sorgen dafür, dass Führungskräfte demütig werden vor dem Scheitern.”

Da muss ich schon die Frage stellen was ist hier mit Demut genau gemeint? Demut als das Gegenteil der Arroganz? Ok. Das kann ich unterschreiben. Demut im Sinne von “Dienstwilligkeit” oder “Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt.” (Wikipedia) ist im Bezug auf das Scheitern meiner Meinung nach unangebracht. Warum erkläre ich in zwei Absätzen.

Jochen kommt über diesen Weg dann wieder zu der Erkenntnis, die ich wieder absolut teilen kann: “Durch scheitern werden Führungskräfte verständnisvoller gegenüber der Imperfektion der Menschen im Allgemeinen und ihren Mitarbeitern im Besonderen.” Sie lassen also ihre Mitarbeiter das Scheitern im Zweifel erleben um zu zeigen, dass es danach weiter geht. Um Risikofreudigkeit  zu fördern. Oder aus dem Bauch heraus zu wissen, wann Scheitern weh tut und wann nicht. Scheitern ist nicht schlimm. Nur wer das Scheitern akzeptiert kann gute Entscheidungen treffen. Und um das Scheitern überhaupt beurteilen zu können, muss ein Mensch schon einmal ein Scheitern durchlebt haben.

So, wie es im Filmzitat auch gesagt wird.

Sei es, dass ein Projekt gescheitert ist. Eine Firma vor die Wand gesetzt, ein Auto zu Schrott gefahren wurde oder eine Beziehung gescheitert ist. Das einzige, was man aus dem Scheitern an Meta-Information mitnehmen sollte ist, die Angst vorm Scheitern zu verlieren, weil es gar nicht so schlimm ist. Die Angst vor dem Unbekannten nach dem Scheitern ist größer, als die Situation die tatsächlich eintritt.

Im Geschäfts- und Privatleben hat das auch alles Hand und Fuß. Jetzt kommen wir aber nochmal kurz zurück zu Menschen, die über andere Menschenleben entscheiden müssen. Das gibt es nicht nur im Film. Sondern auch im wirklichen Leben. Polizei, Piloten, Bundeswehr – um nur mal ein paar Beispiele zu nennen.

Ich kenne Vertreter aller drei genannten Berufe und eines ist da ganz deutlich:

Ein sehr viel größerer Respekt vor der Entscheidung. Eine viel VIEL intensivere Vorbereitung der Entscheidung. Und zwar nicht, um sich hinter zu rechtfertigen und ein Scheitern mit “ich habe hier aber ALLE Kennzahlen erhoben und alle Stakeholder in den Prozess mit einbezogen” zu entschuldigen, wie es im Business gerne getan wird. Nein, um die Chance des Scheitern zu minimieren und das Risiko zu kalkulieren. Entscheidungen werden im Voraus gefällt (Canned Decisions) und aus den historischen Fehlern und vorliegenden Lageberichten eine Entscheidungsgrundlage geschaffen.

Zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Die eine sorgt im eher “unwichtigen” Bereich Geld/Ruhm für Erfolge durch Risikofreudigkeit und Herausstechen aus der Masse. Würde aber dort, wo es um Menschenleben und die Verantwortung für dieselben geht, Katastrophen verursachen.

Die Entscheidungsfindung von der militärischen geprägten Seite minimiert die Möglichkeit des Scheiterns und die zu erwartenden Verluste. Führt im Business aber eher zu verlangsamten Prozessen, Überdokumentation und durch Behäbigkeit der Organisation frustrierter Mitarbeiter.

Ursprünglich bedeutet “Zu scheitern werden” übrigens, wenn ein Schiff in Stücke bricht. Und da hat auch schon Herr von und zu Goethe festgestellt, daß sich aus dem Scheitern noch etwas “Positives” ergeben kann:

“So klammert sich der Schiffer endlich noch am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.” (Johann Wolfgang von Goethe)

Je öfter jemand mit einem positiven Ergebnis gescheitert ist und die Konsequenzen akzeptiert hat, oder sogar etwas von anderen zum Scheitern verurteiltes Unterfangen erfolgreich gemeistert hat – desto mutiger wird dieser Jemand und lässt anderen (seinen Mitarbeitern, Kindern, Freunden) den Freiraum zum Ausprobieren.

Demut ist demnach in der Karriere eher fehl am Platze, auf einer Weltrettungsmission im Bohrfahrzeug “Virgil” auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde manchmal angebracht.

Zwei interessante Lesetipps, die mir beim recherchieren für dieses Posting gerade über den Weg gelaufen, bzw. wie eignefallen sind:

Lexikon des Überlebens – Handbuch für Krisenzeiten

Schwärmende Intelligenz in Gruppen (Daily Dueck 82, Januar 2009) – eine der Kolumnen meines Lieblings-Sachbuchautoren Gunter Dueck

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4 Responses to “Lernt man Führen nur durch Scheitern?”

  1. Frank Hamm sagt:

    Hi Alex, in meiner Zeit bei der Bundeswehr lernte ich als junger Leutnant sehr viel von einem Prüfer bei der jährlichen Tactical Evaluation. Ich machte zu Beginn einige Fehler. Doch anstelle mir nur die Fehler aufzuzählen und Punktabstriche zu geben, begann der Prüfer – Captain Kirk (ja, er hieß wirklich so :-) – mich nach meinen Gründen für meine Fehlentscheidungen zu fragen. Für ihn und mich war es sehr wichtig, welche Argumente mich zu welcher Entscheidung gebracht hatten. Und so fand ich auch schon mal die Bestätigung, dass ich erfolgreich gescheitert war :-) Denn ohne Fehler lernt es sich schlecht.

    Zwar weiß ich nicht mehr die Quelle für jenes Zitat, aber mir gefällts: “Nicht an meinen Erfolgen, sondern an meinen Fehlern bin ich gewachsen”

  2. holyolli sagt:

    Ich denke der Dreh- und Angelpunkt bei solchen Sachen ist Authentizität.

    Jeder macht Fehler. Immer und überall. Es geht nicht um die totale Fehlervermeidung, sondern das arbeiten damit. Man bricht sich eben keinen Zacken aus der Krone, wenn man als Vorgesetzter einen Fehler begeht, aber schon wenn man sich ihn nicht eingesteht oder so tut, als würden einem keine Fehler unterlaufen.

    Ein Arbeitskollege von mir, der seit über 30 Jahren Kapitän ist, meinte mal zu mir, dass er noch keinen Flug erlebt hatte, wo er keinen Fehler gemacht hat. Bis zum heutigen Tage. Welcher “normale” Chef sagt das schon zu einem?

    Leider ist dieses “Thread- and Errormanagement” bisher nur bei wenigen Unternehmen angekommen. Ich bin froh und dankbar, dass es bei uns so gut funktioniert.
    So können wir auch bei der Arbeit Fehler machen und sind dazu angehalten, diese zu kommunizieren, sodass andere daraus lernen können. Somit hat jeder etwas davon. Selbst unser Kunde, der immer heile da ankommen möchte, wofür er gezahlt hat.

  3. Roland Elsner sagt:

    Die gedankliche Ausdrucksform, bzw. die innere Einstellung im Bezug auf die Wortwahl sollte der erste Schritt sein um mit jeglichen Situationen umzugehen. Es geht nicht darum Fehler zu machen! Es geht darum, Fehler zu vermeiden. Stelle ich das Wort “Fehler” in den falschen Zusammenhang, ist dies ein Fehler.
    Das Akzeptieren von Fehlern führt zu einer falschen Einstellung gegenüber dieser Tatsache. Es gibt nur Entscheidungen und deren Konsequenzen. Wir wissen zwar, was wir falsch gemacht haben, diese Erkenntniss schließt aber nur eine von hunderten Möglichkeitein aus wie man es nicht angehen sollte und führt uns nur Schrittweise zum Erfolg.Die oben genannten Personen wie Schwarzenegger oder Branson haben nicht aufgegeben und an der Verwirklichung ihrer Ziele gearbeitet.
    Die grundlegende Prägung erhielten diese Personen in der Kindheit, indem sie von ihren Eltern gefördert und ermutigt worden sind.
    Somit fängt “Führen” mit der richtigen, gedanklichen Einstellung an. Man muss nicht erst scheitern um das Führen zu lernen. Nur, hat der Eine eine Prägung, die im die Möglichkeit gibt aus dem erlernten der Vergangenheit, “Fehler” im Vorfeld zu vermeiden und der Andere (wenn er den Weg überhaupt irgendwann findet) handelt ebenso seiner Prägung zum Trotz und braucht daher mehr Disziplin und Reflektion.
    Es ist also kein Garant, dass Scheitern ein Weg zur guten Führung ist und das man Fehler machen muss, sollte auch keine, gedankliche Selbstverständlichkeit sein.

  4. Ich würde nicht behaupten das man führen nur allein durch scheitern lernen kann, aber diejenigen, die nicht von vornherein mit einem Führungstalent ausgestattet sind können vom Scheitern nur profitieren. (Vorausgesetzt man rafft sich nach dem Scheitern auch wieder auf!) Wenn was schief geht, man aber merkt wie man es hätte besser machen können, ist das doch der beste Lerneffekt überhaupt, oder?

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