Können Journalisten von Einzelhändlern lernen?

Allgemein, Online Shops, Social Media on Juni 7th, 2010 2 Comments

Demandmedia ist ein Dienst, der Web-Content billigst erstellen läßt. Ein Ratgber-Posting á la “Wie binde ich eine Krawatte” bringt 15 Dollar oder ein kurzes Video 20$. Die Themen werden mit einem Algorhitmus danach ausgewählt, was gerade besonders nachgefragt wird.

Sogar automatisch generierte Sportberichte sind in der Mache, um Journalisten ganz weg zu rationalisieren. Genaueres dazu schrieb Meedia im März und die FTD nennt das Unternehmen “den Totengräber des Journalismus“.

Warum ich das mit Elektronikhändlern vergleiche? Weil ich einige Jahre in der Branche gearbeitet habe. Die im Meedia-Artikel beschriebenen Probleme erinnern mich stark an Händler, die durch Preissuchmaschinen und Onlineshops seit Jahren gezwungen sind, sich alternative Geschäftsmodelle und Herangehensweisen an Kunden zu überlegen, sowie neue Serviceleistungen zu entwickeln.

Schon sehr viel länger dran sind Plattenfirmen, die lange Zeit nicht verstehen wollen, dass sie ihr Geschäftsmodell überarbeiten müssen. Nicht nur wegen böser MP3-Sharing Plattformen. Sondern bsw. weil teure Studioaufenthalte wegfallen, weil in heutigen Home-Studios mit wenigen tausend Euro heute Aufnahmen gemacht werden können, die vor 15 Jahren noch Milionen Dollar Equipment vorausgesetzt hätten. Oder wegen dem Wegfall von Distributionswegen. Heute braucht eine Band um erfolgreich zu sein nunmal keine sündhaft teure Werbekampagne mehr (wenn sie bereit ist, sich auf Deutsch gesagt, den Allerwertesten abzuspielen).

Aber zurück zu den Journalisten und den billig produzierten Texten von Unternehmen wie Demandmedia. Die Nachfrage nach Ratgeber-Texten und Filmchen wird in den nächsten Jahren sicherlich weiter steigen. Die althergebrachten personifizierten “Ratgeber” wie Familie, Freunde, Nachbarn fallen immer mehr weg. Wir können uns doch alle noch an Zeiten erinnern, als man den Maurer oder Elektriker von nebenan bei Heimwerkerfragen um seine Meinung angehauen hat.

Heute fragt man entweder im Internet – oder bei OBI. Wenn es finanzielle Probleme gab, rief man bei der Oma an, die aushalf. Heute gibt es Kreditcommunities. Wenn die Probleme zu arg wurden, gab es einen gut gemeinten und Augen öffnenden Anschiss vom Onkel, der Unternehmer was. Heute bewirbt man sich bei der RTL Schulden-Gameshow und läßt sich von Peter Zwegat zusammenfalten.

Das sind aber auch alles Inhalte – bzw. Dienstleistungen, für die es nunmal keine top-ausgebildeten Journalisten braucht, sondern Menschen, die sich für das gefragte Thema begeistern oder alternativ einfach gerne anderen etwas erklären. Für die Frage nach “Wie koche ich ein perfektes Risotto” ist ein bloggender Hobbykoch, der sein Wissen kostenlos zur Verfügung stellt, fachlich geeigneter als ein Journalist und ein Niedriglohnschreiber weniger überqualifiziert. Blogs wie Lifehacker oder Webseiten wie WikiHow und instructables bieten seit jeher hochwertige Erklär-Bär Inhalte an und verbreiten sie kostenlos. Von Nischenbloggern, die als Experten über Ihr Fachgebiet schreiben ganz zu schweigen. Wenn ich Ratgeber Informationen zu welchem Thema auch immer haben möchte, werde ich im Web auch in der Regel fündig.

Den Elektronik- und Computerhändlern wird durch Onlineshops und Preisvergleiche die Grundlage zur Produktschau im Regal finanziert durch entsprechend hohe Verkaufs-Preise entzogen. Da muss man sich was neues einfallen lassen, wie man kaufende Kundschaft in den Laden kriegt, die bereit ist Preise zu zahlen, die höher als im Online-Shop sind. Alternativ geht man im Handel vor Ort auf ein ähnliches Preisniveau herunter und bietet Zusatz-Dienste an, die auf der physikalischen Anwesenheit basieren: Garantieleistungen, Sonderberatungen, Schulungen, persönliche Ansprache, Notdienste usw.

Genauso gibt es auch schon reichlich Journalisten dort draussen, die sich auf neue Wege zum Leser, Fan, Zuschauer einlassen. Eigentlich denke ich mir, sollten die Journalisten doch froh sein. Sie müssen sich nun nicht mehr mit dem Kleinkram aufhalten, sondern können sich um die wirklich wichtigen Themen kümmern:

* Nachrichten
* Investigationen
* Politik
* Wirtschaft
* Kultur

Habe ich da gerade jemanden murmeln gehört, das interessiert doch niemanden und läßt sich schwer verkaufen? Mein Verständnis von Journalismus ist, dass Ihr Geschichten und Sachverhalte erfasst, versteht, bewertet und danach Leser- und Zuschauerinnen erklärt. Und zwar interessant, spannend, witzig und verständlich. Wenn diese Aufgabe entsprechend erfüllt wird, dann läßt sich das Ergebnis auch verkaufen. Und Themen, die zunächst einmal nicht interessant genug sind, müssen entweder wegfallen oder querfinanziert werden. Oder an die Wünsche der Leser angepasst. Wenn Ihr Euch wundert, dass Billigcontent Euch den Rang abläuft… Pech würde ich sagen. Da hilft aber auch kein rumheulen, erzürnen oder klagen. Nur aufstehen, schütteln, weiter rödeln. Und seinen Job jeden Tag neu erfinden.

Eine interessante Parallele habe ich vorhin in einem Blogposting meines alten Chefs, SYNAXON CEO Frank Roebers festgestellt. Er beschreibt dort, wie Lokalisierungsdienste wie Foursquare und Gowalla dem stationären Handel und Gastronomen neue Kunden bringen und als einfache Kundenbindungsmaßnahme genutzt werden können.

Diese Dienste funktionieren so:

Mit meinem internetfähigen Handy, das meine genaue Position per Satellitenortung bestimmen kann, melde ich mich bsw. in meinem Foursquare-Profil an. Stehe ich in einem besonders guten Laden oder in einer schönen Gastronomie, teile ich der Foursquare Seite mit. dass ich mich tatsächlich grade physikalisch an diesem Ort befinde und kann noch diverse Bewertungen und Kommentare zu der Lokalität abgeben.

Im Prinzip ist das ganze so etwas wie die Bewertungen auf Google Maps. Nur in Echtzeit und mit mehr Dynamik. Denn mein Standort wird wenn ich das möchte, automatisch in andere Netzwerke und Dienste wir Facebook und Twitter weiter verteilt. So bekommt ein großer Teil meines Netzwerks zunächst mal mit, wo ich mich grade aufhalte und eine qualitative Bewertung, wie ich es dort finde. Sollte ich besonders oft bsw. in ein Cafè gehen erhält die Information auch noch eine quantitative Dimension und der Wirt könnte mein foursquare-Profil verfolgen und mir nach 10 Besuchen ein Getränk ausgeben.

Was hat das ganze mit Journalismus zu tun?

Ganz einfach: So wie sich die stationären Einzelhändler vom Online-Handel durch physikalische Präsenz vor Ort abheben können, haben auch Journalisten diverse Möglichkeiten, um persönliche Verbindungen zu Stammlesern aufzubauen und diese als Multiplikatoren zu nutzen. Ein Journalist kann dokumentieren, dass er tatsächlich vor Ort eines Nachrichtenschauplatzes war und seiner Geschichte dadurch mehr Glaubwürdigkeit verschaffen.

Nutzt der Journalist gezielt soziale Netzwerke, um seinen Lesern eine Anlaufstelle zu geben, ist es durchaus denkbar, dass sich der Autor dadurch eine echte Unabhängigkeit zu seinem Verlagshaus schafft und selber als “Marke” wahrgenommen wird. Die Person des Autors wird wichtiger, als das Medium, für das er arbeitet. Ich kaufe eine Robbie Williams CD ja auch nicht nur aus dem Grund, weil sie von EMI verlegt wird. Genau genommen ist es mir sogar relativ egal, welche Plattenfirma dahinter steht.
Vorteil für den Journalisten: Nachweisbare Leserschaft, die sich in Honorarverhandlungen sicherlich positiv auswirken dürfte.

Persönliche Beziehungen, Untermauerung der Glaubwürdigkeit und nachvollziehbare Hintergründe sind neben qualitativ  meiner Meinung nach die großen Vorteile, die professionelle Journalisten durch das Web gewinnen können. Und mit denen Sie sich von den Billigschreibern einer Demandmedia absetzen. Resultierend in Vertrauen, Sympathie und der Bereitschaft des Lesers, seine bevorzugten Autoren und Medien zu unterstützen.

Sei es durch den Kauf von Papier, Klicken von Werbung oder Weiterempfehlung von Inhalten und ganzen Medienseiten.

Oder stelle ich mir das mal wieder alles viel zu leicht vor? ;)

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2 Responses to “Können Journalisten von Einzelhändlern lernen?”

  1. Das ist gegen Ende ein Plädoyer für eine Art Gonzo-Journalismus 2.0. Kann mir Schlimmeres vorstellen. Ein Problem möchte ich noch anmerken: Investigationen und sowas sind aufwendig und teuer und selbstständige Journalisten müssen in Vorleistung treten, d. h. so einen Artikel erstmal stemmen. Ich verstehe jeden, der da keine Lust drauf hat, mir geht bei Projekten mit viel Geld drin auch mal der Arsch auf Grundeis. Meistens geht dann ja auch pünktlich alles schief.

    Ansonsten: Ja, mit Leuten, die einfach wie immer weitermachen wollen, nur jetzt halt digital, muss man kein gesteigertes Mitgefühl haben. Das Beispiel Ton- und Filmindustrie zeigt, dass die Zeit sie ersetzen wird.

  2. Norbert sagt:

    Sehr gut reflektiert. Genauso sehe ich das auch. Ich habe mein Tageszeitungabo gekündigt, weil ich z.B. im Kulturteil zunehmend zugekaufte Artikel aus Hamburg, oder Berlin las und immer weniger über die eigene Stadt.

    Ein Demandmedium mit Inhalten aus der Region über die mich interessierenden Sparten wäre für mich ein Grund, wieder regelmäßig bestimmten Beitrag zu investieren. Am liebsten natürlich in E-Form, denn alle zwei Wochen tonnenweise tote Bäume an die Straße zu stellen ist heutzutage auch überflüssig.

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